Kreiszeitung Böblingen
10.03.2008
Besonderheiten ohne Stuhlreihen

Aufführungen in der "leeren Martinskirche" in Sindelfingen

Zum vierten Mal erlebt Sindelfingen in der "leeren Martinskirche" Kultur und andersartige Gottesdienste. Ungewöhnlich wird auch die h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach aufgeführt, sie wird "zelebriert", dazu tritt die Tanzwerkstatt der SMTT Sindelfingen auf. "Anrufungen" des Komponisten Wolfram Graf erzeugen ebenfalls Spannung. Nimmt bei der Aufführung eines derartigen Werkes der Chor nicht Aufstellung hinter dem Orchester, sitzen die Zuhörer nicht etwa brav in Reihen - vorne auf den teuren Plätze, im Seitenschiff der Säulen auf den billigen?

Bei dieser Aufführung ermuntert Kirchenmusikdirektor Matthias Hanke ausdrücklich, sich im Raum zu bewegen. Auch dem "Ensemble der cappella nuova Sindelfingen", einer Auswahl des Kirchenchores, verordnet er Bewegung, indem die Sängerinnen und Sänger in acht unterschiedlichen Aufstellungen die bekannten Inhalte einer Messe aus der klassischen Starre lösen. Sie beginnen in kreisrunder Formation, stellen sich dann in einer Reihe auf, lösen sich zu Gruppen auf, wenden sich zum Kreuz und erstarren wie ein lebensferner Ritus. Aus eigener Kraft scheinen sie nun nicht mehr fortfahren zu können; sie werden von den weiß gekleideten Tänzerinnen ins Leben zurückgeholt, die bis zu diesem Zeitpunkt ihrerseits bereits reiche Symbolik angelegt haben.

Den Instrumentalteil gestaltet Matthias Hanke mit einem Barockorchester, wofür er Berufsmusiker aus der ganzen Region angeworben hat. Zwei Solisten komplettieren: die Altistin Anneka Ulmer und der 13-jährige Hanke-Sohn Lukas als Sopran. Voller Spannung erwartet man das tänzerische Element dieser Aufführung; so mancher wird sich fragen, ob ein solch freier Umgang mit subjektiven Assoziationen hier angemessen sei. Symbolik legte aber der Komponist Bach schon an, wie der Dirigent im Programmheft deutlich macht. Während aber Bach Glaubensinhalte über die Zahlensymbolik in Melodien umsetzt, schafft die Verbindung von Musik und Tanz eine gestische Verbindung von Glauben und Leben. Hier geht es nicht um ein Fürwahrhalten von Episoden, sondern um die Haltung des Christen in der Welt.

Folgerichtig stellen nach der Choreographie von Monika Heber-Knobloch die Tänzerinnen keine Rollen dar, sondern das menschliche Sein schlechthin, wenn sie zu einigen Stücken der Konzertauswahl ihre Version tanzen, die keine Interpretation des musikalischen Werkes sein soll. Dem Chorgesang entsprechen die synchronen Bewegungsabläufe. Auch bei Wolfram Grafs "Anrufungen" spürt man in den teilweise bis zum Sprechgesang reduzierten Sätzen deutlich den empfindenden Menschen, der ruft und haucht, feiert, widerspricht oder klagt. In den Tanzfiguren beginnt das Sein als rot-pralles, sich windendes, aufbäumendes Leben, als Urkraft neben Apathie und geistigem Tod.

Zwar wird taktgenau mit weitgehend einheitlichem Ausdruck getanzt, das Individuum bleibt aber einsam, irrt ziellos; und es bleibt unklar, ob die abrupten Stöße von außen oder durch eigene innere Stürme verursacht werden. Man sucht Halt und Schutz, was aber auch Begrenzung bedeutet. Beim Credo tanzt das Ensemble in Schwarz hinter einem transparenten Vorhang. Per Beleuchtungstechnik tritt nun zum realen Tanz noch das Schattenspiel, das die Proportionen erweitert. Das von Alt und Sopran gesungene dritte Credo wird von zwei Tänzerinnen im Lichtdunst als irdisches Sein dargestellt: Zufällige Nähe als organische Einheit, im Tod endend. Ob diese anonymen Massenwesen, die allesamt ein Joch, ein Kreuz zu tragen haben, einmal zu einer gedanklichen Ausrichtung finden?

Da kommt das Solo von Monika Heber-Knobloch, ein Tanz in Weiß, der ein selbstbewusstes Ich vorstellt. Wenn sich das Gesicht zu Höherem wendet, weist der rechte Arm nicht lehrend, sondern verlangend nach oben, und der linke Arm bleibt dem Irdischen zugetan. Aber immer wieder verknotet sich dieses Ich in sich selbst, um sich aufs Neue entfalten zu können. Beim Schlusschor verschmelzen nun Musiker, Sänger und Tänzerinnen. Zum vierstimmigen "Dona nobis pacem" tanzen zehn Tänzerinnen "dreistimmig" ihr Finale. Dieses eindrucksvolle Spiel ist noch zu hören und zu sehen am heutigen Montag und am Dienstag, jeweils um 20.15 Uhr in der Martinskirche.