Samstag, 01.03.2008
Kultur Lokal

Architektur von Raum, Musik und Tanz

Von unserem Mitarbeiter Bernd Heiden



Nächsten Samstag startet die "Die leere Martinskirche" in der vierten Auflage. Zum 925. Weihejubiläum des romanischen Kirchenbaus wartet die zwei Wochen dauernde Veranstaltungsreihe mit einem gegenüber 1999, 2002 und 2005 leicht abgeänderten Konzept auf.

Statt täglich wechselnder Programme werden die ersten vier Tage von einer ungewöhnlichen Aufführung von Bachs h-moll Messe bestimmt: Zu Chor und Orchester tanzt die Tanzwerkstatt der SMTT eine eigens entwickelte Choreographie zur Messe, in die auch zwei Sätze Wolfram Grafs eingeschoben werden.

Kirche leerräumen und damit anderem Raum geben - Im Grunde stand und steht diese schlichte Grundintuition hinter "Leere Martinskirche". Die choreographierte h-Moll-Messe in Kombination mit Graf-Sätzen hat nun der leeren Kirche 2008 das Motto "Rufe - Anrufungen" geliehen: Das "Kyrie eleison" des Eingangssatzes ist die Anrufung des "Kyrios", des Herrn, mit Bitte um Erbarmen. Und Komponist Wolfram Graf hat seinen zwei in die Messe eingeschobenen Sätzen selbst den Titel "Anrufung" gegeben.

Auf eine Stunde gekürzt

Die auf eine Stunde gekürzte Bach/Graf-Messe wird dabei sechs Mal aufgeführt, da pro Aufführung ein Besucherlimit von 250 gilt. Denn neben dem 20 Köpfe starken Vokalensemble der Cappella nuova und den 15 Instrumentalisten eines professionell bestückten Barockensembles - dirigiert von Kirchenmusikdirektor (KMD) Matthias Hanke - brauchen vor allem auch die zehn Tänzerinnen von Tanzwerkstatt-Leiterin Monika Heber-Knobloch Raum.

Nicht unwahrscheinlich scheint dabei, dass der eine oder andere die Aufführung mehrfach sehen will. Denn schon Bachs h-Moll-Messe für sich genommen lässt Ehrfurcht aufkommen. Jedem, der tiefer in das Werk eindringt, offenbart sich mehr und mehr deren Schwindel erregende, musikalisch-theologische Komplexität.

Angefangen bei symbolischer Melodiebildung etwa mit Kelch- und Kreuzmotiven über das Spiel mit verschiedensten musikalischen Formen bis hin zu einer in ihrer Raffiniertheit unfassbar-übermenschlich anmutenden Zahlensymbolik, die Bach in die Messe eingearbeitet hat. "Du hast einfach Wahnsinnsrespekt vor dem Werk", bestätigt KMD Hanke, der bis auf die h-Moll-Messe alle großen Bachoratorien bereits aufgeführt hat. Erst nach mehreren, selbst gehaltenen Vorträgen und jahrelanger Betreuung des Cembaloparts bei anderen Aufführungen hat er nun das Gefühl, dem Werk als Dirigent gerecht werden zu können.

Monika Heber-Knobloch war im Vergleich dazu ganz unvorbelastet. Erst auf die Kooperationsanfrage Hankes hörte sie sich die Messe Ostern vor einem Jahr erstmals an. Und kam zu dem Ergebnis: "Die Messe braucht keinen Tanz." Im Frühsommer 2007 dann hielt der KMD der Tanzwerkstatt-Leiterin und ihren Tänzerinnen einen Einführungsvortrag, schlüsselte Architektur und grundlegende Ideen der Martinskirchenanlage wie der h-Moll-Messe auf. "In faszinierenden Bauten wie in Musik gibt es eine geheimnisvolle Architektur", so Hankes Überzeugung.

Nach Erbarmen rufen

Irgendwie muss das Eindruck gemacht haben. "Matthias hat es geschafft, dass der Funke überspringt", so Heber-Knobloch, die diesmal ganz allein ohne ihre Ensemble die Choreographie entwickelt hat.

Ausgehend von Hankes Erläuterungen, Bachs Musik und "viel Kopfarbeit" entstanden bei der Tanzensemble-Leiterin die ersten Bewegungsbilder. Einen solchen Entstehungsprozess beschreibt Heber-Knobloch anhand eines Details des "Kyrie" so: Wenn jemand nach Erbarmen ruft, kann es ihm nicht ganz gut gehen. Die Tänzerinnen zeigen deshalb beispielsweise Figuren, deren Schwerpunkt dezentriert, deren Mittelpunkt verloren ist. Und zwei unsichtbare Gestalten, gefangen unter einem amöbenhaft sich ausbuchtenden roten Tuch, ringen erfolglos um Befreiung. Ein Symbol, in dem Matthias Hanke die auf Erden unlösbare menschliche Leidensverstrickung entziffert.

Oder das erste Credo, das Bach im Renaissance-Stil vertont hat, setzt Heber-Knobloch mit vielen Duos um, die sich aufeinander zu und voneinander weg bewegen. Verkörpert wird damit die Freiheit, Bindungen einzugehen, aber auch wieder aufzulösen. Der Tanz zum zweiten Credo dagegen - komponiert im barocken Stil der Bachzeit - hat als Grundform einen Kreis, aus dem keiner ausscheren kann, ohne umgerannt zu werden. Dass auf Bachs Barock-Credo in der Martinskirche Anrufung II von Graf eingefügt wird, bezeugt einmal mehr die Durchdachtheit des Projekt-Gesamtplans. So wie Bach mit den Credos den Glauben der Vorväter thematisiert, um dann auf die aktuelle Glaubenslage seiner Zeit einzugehen, so stellt Grafs Anrufung II einen Kommentar zur Situation des Glaubens 21. Jahrhundert dar.

Aber auch wenn angesichts einer ohnehin restlos nicht aufschlüsselbaren h-Moll-Messe Choreographie und Graf jene noch komplizierter zu machen scheinen, es darf Entwarnung gegeben werden. Allein dass Bach-Kenner Matthias Hanke bei Monika Heber-Knoblochs Erläuterungen mehrfach zum Stift greift um sich Notizen zu machen, deutet an, welch Assoziations- und Perspektivpotenzial selbst angesichts einer kaum überschaubaren Bach-Literaturflut der Tanz zu mobilisieren vermag.